3 Vorträge voller Denkanstöße

 3 Vorträge voller Denkanstöße

 auf dem Dolmetscher- und Übersetzerkongress 2016 in Hilversum in den Niederlanden

 

Meine erste Konferenz in diesem Jahr!

Am 11. und 12. März war ich auf dem „Tolk- en Vertaal Congres 2016“ in Hilversum in den Niederlanden. Die Konferenz war mit mehr als 750 Anmeldungen gut besucht und thematisch sehr breit angelegt. Sie richtete sich an so ziemlich alle, die in der Übersetzerbranche arbeiten. Unter dem Motto „Zusammen kommen wir voran“ hatten sich Dolmetscher, Übersetzer, Studenten, Übersetzungsagenturen, Sprachtechnologen, Ausbildungsinstitute und selbst der öffentliche Dienst eingefunden. Auch das COA, die niederländische Behörde für Flüchtlingsaufnahme, war vertreten.

Henry Liu, Präsident der International Federation of Translators (FIT), gab mit seiner motivierenden Rede vor vollem Saal den Auftakt. „Was eint uns? – Über Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit im Übersetzerberuf“ war eine Rede voller Denkanstöße. Wie können wir die Kluft zwischen Verbraucher, Anbieter und Übersetzer überbrücken und den Übersetzungsprozess transparent machen? Sind wir eigentlich noch Übersetzer oder eher IT-Spezialisten? Welche Alternativen gibt es für die volumenbasierte Abrechnung von Übersetzungen? Niemand wirbt mit „Slow Translation“, alle immer nur mit „Fast Translation“. Gibt es so etwas wie die „Fair Trade LSP“? Witzig war folgender Vergleich: Man stelle sich vor, der Dolmetscher bekomme nur 50 % für einen Satz bezahlt, den er bei diesem Kunden schon früher einmal gedolmetscht hat. Er verweist auf das „Lemons-Problem“ nach Akerlof und spricht über Diskrepanzen zwischen Übersetzungsqualität und Kundenanforderungen: Die Qualität sollte den Anforderungen genügen, nicht zu viel und nicht zu wenig, so kann man sich auf einen adäquaten Preis einigen. Zum Thema Qualität und Verantwortung erinnert Henry Liu an Toyota und die teuerste Rückrufaktion aller Zeiten, bei der die Übersetzerin und Whistleblowerin Betsy Benjamin eine wichtige Rolle spielte. Er problematisiert den Übersetzer im Prozess der Freiwilligenarbeit. Alle Beteiligten würden Anerkennung von außen in irgendeiner Form erfahren, nur freiwillige Übersetzer nicht. Intrinsische Motivation oder bessere Zusammenarbeit?

Technologie als positive Entwicklung, aber auch als Gegenpol zu sprachlicher Vielfalt war ein weiteres Thema. „Wenn alle gleich denken, denkt keiner mehr.“ Sollten wir die Übersetzung, anstatt sie zu entmenschlichen, nicht lieber entmaterialisieren?

Jaap van der Meer von TAUS präsentierte uns eine Übersicht über die Entwicklung von Sprachtechnologien im Allgemeinen und Maschinenübersetzung im Besonderen. Parallel zu Jaap van der Meer sprach Bert Esselink im anderen Saal über die Qualitätssicherung von Übersetzungen bei steigenden Ansprüchen an die Qualität und gleichbleibender Zahlungsbereitschaft seitens der Kunden. Die Entscheidung war mir schwer gefallen. Esselinks Klassiker „A Practical Guide To Localization“ steht auch in meinem Bücherschrank und ich hätte ihn gern gehört. Da ich mich zurzeit jedoch besonders intensiv mit Maschinenübersetzung beschäftige, saß ich um 11:45 Uhr gespannt im Theatersaal und hörte Jaap van der Meer von den Anfängen des Sprachtechnologiesektors in den 80er Jahren erzählen. Ein Video des ersten Textverarbeitungscomputers erinnerte daran, wie rasant die Entwicklung in der Informationstechnologie war. Mit 100 Seiten auf 20 Disketten konnte Jaap damals seine Produktivität um 100 % steigern! Noch mehr in den 80ern: Systran, eine der ältesten Firmen für Maschinenübersetzung und heute marktführend in diesem Bereich im Internet, wurde im lokalen Pariser Internet „Minitel“ eingeführt. Für die Fortschritte in den 90er Jahren waren die Entwicklungen in der Spracherkennung von Lernout & Hauspie, heute Nuance (Dragon Naturally Speaking), bezeichnend. Auf lange Sicht, so die Erfahrung von Jaap van der Meer, durchläuft man bei der Entwicklung neuer Technologien folgende Phasen: 1. Höhenflug der Erwartungen, 2. Tal der Desillusionierung, 3. Plateau. Die 2000er waren das Jahrzehnt der TMs. TAUS begann mit dem Zusammentragen von TM-Daten in der Cloud. Die Idee des Projektes war es, ein menschliches „Sprachgenom“ analog zum Humangenomprojekt zu schaffen. Die Desillusionierung hatte da bereits begonnen, erzählt Jaap van der Meer. 2010 wurden bereits mehr Worte von Maschinen übersetzt, als von Menschen. Übersetzung wird zum Dienstprogramm. Übersetzungsmaschinen gibt es als APIs und bezahlt wird mit Daten für die Cloud. (Als kleinen Seitenhieb erwähnt Jaap van der Meer hier Slate Desktop, die Cloud-unabhängige Ausnahme, aber dazu mehr in der nächsten Post.) Zukunft: TAUS lädt zur Diskussion ein. Im Blog „The future does not need Translators?“ kann jeder seine Meinung zum Thema kundtun. Freimütig teilt Jaap die Erkenntnis einer langen Karriere in der Sprachtechnologie: Ruhig bleiben und nicht in blinde Begeisterung verfallen – Technik wird immer noch von Menschen gemacht. Nochmals weist er darauf hin, dass Datenschutz und Cloud unvereinbar seien.

Ein allerletzter Rat wird uns ans Herz gelegt: START MEASURING! (Fang an zu messen!)

 

Ein treffender Vergleich: Übersetzung ist wie Toilettenpapier – niemand denkt daran, bis man es braucht.

 Lori Thicke von Translation Without Borders eröffnete den zweiten Tag der Konferenz. Lori wollte schon immer Freiwilligenarbeit leisten, kam aber einfach nie dazu – wer kennt es nicht! Bis ihre Übersetzungsagentur 1993 einen Auftrag von Ärzte ohne Grenzen bekam. Sie sah ihre Chance endlich gekommen und bot die Übersetzung pro bono an. Lori Thicke stellte eigene Nachforschung an und erkannte, wie groß der Bedarf an Übersetzungen für die humanitäre Hilfe ist. Ein wichtiger Punkt ihres Apells war das Thema Muttersprache. Wenn wir nur in großen europäischen Sprachen kommunizieren, werden wir niemanden erreichen, außer uns selbst. Lori erzählt, wie in Krisensituationen lebenswichtige Informationen ihre Zielgruppe nur verzögert erreichen, weil sie nicht in deren Sprache verfasst wurden und erklärt, welch großen Lernvorteil Menschen in ihrer ersten oder zweiten Muttersprachen haben. Ein Fakt, der während der Erziehung für viele Menschen in Europa die größte Selbstverständlichkeit ist. Auf Norwegisch, eine Sprache mit 5 Millionen Sprechern, gibt es 450.000 Wikipedia-Seiten an kostenloser Information. In Hausa mit 50 Millionen Sprechern listet Wikipedia nur 1.300 Seiten auf. Auch Lori Thicke spricht die Unsichtbarkeit und das Fehlen von persönlicher Anerkennung bei der Freiwilligenarbeit von Übersetzern an. Und wie sieht die Situation von Übersetzern der Sprachkombinationen aus, die in der humanitären Hilfe am dringendsten benötigt werden?

 Die Konferenz bot noch viele interessante Workshops und Vorträge. Als technische Übersetzerin interessiert mich hauptsächlich das Thema Technologie. Ich habe mir den Cat-Fight angeschaut, war auf dem Lilt-Workshop, habe gelernt, dass man Dragon mit dem TMX-Zieltext trainieren kann, dass man in Wordbee so viele Zielsprachen nebeneinander im Editor anzeigen kann, wie man möchte, hörte vom SCATE-Projekt, konnte meine Fragen zu Matecat loswerden, habe einige wirklich nützliche Kontakte knüpfen können und viele nette Kollegen getroffen. Übernächstes Jahr bin ich sicher wieder mit dabei!